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Abschiede – und doch nicht!

3 Abschiede - A.Härtner, L. Elsner, M. Bakhshizadeh
Gruppenfoto von vier Personen vor einem weißen Hintergrund. Zwei Männer im Anzug halten jeweils einen jungen Baum in einem Topf. Eine Frau in einem gelben Kleid steht zwischen ihnen. Der vierte Mann, auch im Anzug und mit roter Krawatte, steht rechts.

Lothar Elsner und Achim Härtner haben beide im Juli ihre Abschiedsvorlesungen gehalten. Für den Diakoniewissenschaftler Elsner dauerte das Gastspiel an der THR nur eine Handvoll Jahre, während der Praktologe Härtner fast ein ganzes Arbeitsleben an der Hochschule verbrachte. Beide treten mit Semesterende in den Ruhestand – und tun es doch nicht.

Lothar Elsner ist 2021 als Professor für Diakoniewissenschaft zu 50% und zu weiteren 50% als Mitglied des Rektorats zur Weiterentwicklung der Hochschule an die THR gekommen. Dass seine Lehr- und Amtszeit in Reutlingen von begrenzter Dauer sein würde, war von Anfang an klar, und doch wurden diese 5 Jahre «zu einem Glücksfall», wie der Rektor Prof. Christof Voigt bei seiner Verabschiedung betonte. Die Zusammenarbeit mit Lothar Elsner, seine ungeheure Schaffenskraft und der Weitblick in Hinsicht auf die langfristige Etablierung des neuen Studiengangs «Soziale Arbeit und Diakonie» ist für alle Mitglieder des Professoriums und wohl auch für die Studierenden eindrücklich, angenehm und zielführend gewesen – und wird auch so in Erinnerung bleiben.

In seiner Abschiedsvorlesung „Biblische Inspirationen zur Organisation demokratischer Teilhabe“ stellte Elsner die Frage, wie biblische und antike Modelle demokratischer Teilhabe heutige Organisationen inspirieren können. Er analysierte zunächst die Schwächen moderner Demokratien, insbesondere die mangelnde Partizipation und die soziale Ungleichheit, und verwiess dann als Kontrast auf antike Vorbilder: Die athenische Demokratie mit ihrer Ekklesía (Volksversammlung) und die römische Republik mit partizipativen Elementen wie z.B. den Volkstribunen. Beide Modelle begrenzten die Macht wirtschaftlicher Eliten – im Falle Roms zumindest während der Zeit der Republik –, schlossen jedoch zugleich auch große Bevölkerungsgruppen wie etwa Frauen, Unfreie und Ausländer aus.

Danach blendete Elsner auf das Neue Testament über und erläuterte den Gebrauch des Begriffs „Ekklesía“. Dort wird er, in Analogie zur Septuaginta, wo er für die Lokalgemeinschaft Verwendung findet, für die christliche Gemeinde übernommen und weiterentwickelt. Besonders Paulus betont die Gleichheit aller Mitglieder, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sozialem Status, und setzt auf partizipative Entscheidungsfindung und dienende Leitung statt Hierarchie. Die frühe Kirche wird so als demokratisch organisierte Gemeinschaft beschrieben.
Von da aus war der Sprung in die Gegenwart schnell gemacht: Elsner zog Parallelen zwischen dem Neuen Testament und modernen Organisationen, die zunehmend auf flache Hierarchien und Teamautonomie setzten, wie etwa das Beispiel buurtz.org zeige. Abschliessend plädierte der Referent für mehr demokratische Teilhabe in Kirche, Sozialer Arbeit und Gesellschaft, inspiriert von antiken und biblischen Modellen, und betonte die Bedeutung gemeinsamer Werte und partizipativer Strukturen für eine lebendige Demokratie.

 

 

Nur drei Wochen später war Achim Härtner an der Reihe. Er hatte den E. Stanley-Jones Stiftungslehrstuhl für Evangelisation während 30 Jahren inne und bekleidete in dieser langen Zeit zudem fast jedes Amt an der Hochschule, ganz zu schweigen von seinem rastlosen Einsatz für Technik, Medien, Öffentlichkeitsarbeit, Studienberatung uswusf. Die Stiftungsprofessur bleibt, auch wenn ihr Inhaber in den Ruhestand tritt, erhalten und geht auf den anderen Praktologen über: Dr. Max Bühler wird ab kommendem Wintersemester der neue E.-Stanley-Jones- Professor an der THR sein.

In seinem Vortrag «„Echt jetzt?!“ – Das Evangelium predigen im Zeitalter der Authentizität» beschäftigte sich Härtner mit der Bedeutung von Authentizität in der Predigt im Kontext der modernen Gesellschaft. Er skizzierte zuerst die historische Entwicklung des Begriffs, der seit der Aufklärung an Bedeutung gewonnen hat. Charles Taylor etwa, der kanadische Kulturphilosoph, sehe Authentizität als ein moralisches Ideal, das eng mit Selbstverwirklichung verbunden sein, wobei der moderne Mensch sich ständig neu erfinden und zugleich seiner inneren Wahrheit treu bleiben müsse. In der heutigen Zeit werde dieser Wunsch nach Echtheit durch gesellschaftliche Phänomene wie die Selbstinszenierung in sozialen Medien verstärkt, exemplifiziert durch Persönlichkeiten wie Billie Eilish, die offen mit Schwächen umginge und als authentisch wahrgenommen würden.
Auch im religiösen Kontext zeige sich, so Härtner, dass die individuelle Erfahrung und das persönliche Erleben zunehmend im Mittelpunkt stünden. Predigende müssten heute mehr denn je ihre eigene Person in den Dienst der Botschaft stellen, wobei Authentizität als eine Balance zwischen persönlicher Wahrheit, Glaubwürdigkeit und professioneller Reflexion verstanden werde. Die Predigt sei dabei als eine persönliche, glaubwürdige Verkündigung zu verstehen, die auf Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und die Bereitschaft, sich selbst zu zeigen, setze.
Abschließend formulierte Härtner neun Thesen, die Predigende ermutigen sollen, authentisch zu sein, ohne sich selbst zu verlieren. Authentisches Predigen hiesse, unbefangen von sich zu sprechen und erkennbar Glauben zu wagen. Statt einer abschliessenden 10. These griff der Referent am Ende seines Vortrags zur Gitarre und intonierte mit der Band Wood, Wind & Wire zusammen mit Pastorin Monika Brenner ein neues Lied („Sei authentisch, sprich glaubwürdig, zeige dich ungeschminkt!») von Daniel Schmidt, einem langjährigen Weggefährten, zu dessen gemeinschaftlichem Singen er die Zuhörerschaft herzlich einlud.

Es fällt den Menschen, die täglich an der THR ein- und ausgehen, schwer, die beiden Kollegen und Dozenten ziehen zu lassen. Immerhin: Beide haben sich bereit erklärt, auch im kommenden Semester weiterhin die eine oder andere Lehrveranstaltung zu halten, bis die Lehrdeputate neu und definitiv verteilt sind. So werden wir sie noch etwas länger unter uns haben – als ihre eigenen Nachfolger sozusagen.

Christoph Schluep

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