Stimmen von Studierenden an der THR

Dr. Rinaldo Koester Santori, Neurochirurg und Student der Theologie an der THR

»Mein Leben hat jetzt gerade erst angefangen«

Wie kommt ein brasilianischer Neurochirurg zum Theologiestudium an die THR?

Es ist eine faszinierende Geschichte über drei Kontinente, die Dr. Rinaldo Koester Santori erzählt. Sie klingt wie eine alttestamentliche Erzählung, in der der Hauptakteur immer wieder durch hohe Mauern und tiefe Gräben auf dem Weg, den Gott für ihn vorgesehen hat, aufgehalten wird und trotzdem erreicht der „Held“ zum Schluss das Ziel - über einige Umwege.

Schon als kleiner Junge wollte Rinaldo Priester werden, obwohl niemand von seinen Eltern der Kirche nahestand. Sein Vater stammte aus Rom und seine Mutter war als Deutsche nach Italien gezogen, wo sie Rinaldos Vater kennenlernte und heiratete. Beide zogen 1964 nach Brasilien, um sich dort eine Zukunft aufzubauen. In Brasilien kamen zwei Söhne zur Welt, der jüngere ist Rinaldo.

Die Familie hatte eine italienische Bibel zu Hause, die der gottesfürchtigen Großmutter gehört hatte und die in einer Ecke vergessen herumlag. Die las Rinaldo und träumte davon, irgendwann mal katholischer Priester zu werden.

Aber die Erfüllung dieses Traumes würde nicht ohne Hindernisse bleiben. Aufgrund des väterlichen Drucks musste er sich anders entscheiden: „Priester werden, auf gar keinen Fall!“. Unter den ihm gegebenen Optionen entschied sich Rinaldo für Medizin, um sich danach zum Neurochirurgen ausbilden zu lassen. Und obwohl er die Medizin sehr liebt, hat sie ihn nie wirklich volle Befriedigung gegeben, „es hat immer was gefehlt“.

Durch die Neurochirurgie wurde er mit sehr vielen Todesfällen konfrontiert und diese Konfrontation mit dem Tod weckte beim ihm wieder das Bedürfnis, sich mit Gott und dem Glauben auseinanderzusetzen. Aber in seiner Familie war es immer noch ein Tabu, darüber zu sprechen ...

Rinaldo ging nach Deutschland für eine medizinische Weiterbildung innerhalb eines brasilianisch-deutschen Abkommens, um seinen Weg als Arzt weiterzugehen und seinen Kopf „freizubekommen“ von Gedanken, die ihn von diesem Weg abhalten könnten.

Aber Gott hat seine eigenen Wege.

Interessanterweise kam er gleich zu Beginn in Deutschland ganz zufällig an einer Kirche vorbei, die eine Mission in Brasilien aufgebaut hatte (was eine eigene Geschichte ist). Für diese Arbeit interessierte er sich und sprach mit dem Priester darüber. Das Endergebnis war, dass er seine Erstkommunion in der katholischen Kirche mit Anfang 30 empfing und eine Pilgerreise nach Israel im Jahr 2000 unternahm. Außerdem wollte er Teil dieser Missionsarbeit werden, sobald er wieder nach Brasilien zurückgekehrt war.

Und so geschah es dann auch. Er nahm mit großem Erfolg an der Missionsarbeit in Brasilien Teil, doch nach eineinhalb Jahren wurde er wieder von seiner Familie „zur Vernunft gebracht“, denn die Arbeit in der Mission hatte ihn wieder zu dem Gedanken geführt, Priester zu werden. Die Theologie musste erneut beiseitegelegt werden und „am liebsten sollte niemand mehr mit ihm darüber reden“.

Die nächsten Jahre waren von „Ablenkung“ geprägt. Rinaldo machte eine Weiterbildung in Akupunktur und Traditioneller Chinesischer Medizin, dann studierte er Buddhismus und Meditation. Er reiste mehrmals nach Japan und China und studierte neben seiner Arbeit nachts Philosophie an der päpstlichen Universität in São Paulo. Doch letztendlich, als nichts von dem ihn erfüllte … immatrikuliert er sich in Theologie!

Sein Vater wurde schwer krank, so dass seine Mutter ihm abgeriet, irgendetwas darüber zu sagen. 

„Jetzt ist aber endgültig Schluss“, dachte Rinaldo. Das Beste was er machen konnte, war, diesen Traum „endlich ganz tief zu begraben“ und ein normales Leben zu führen, zu heiraten und Kinder zu bekommen, wie jeder andere Mensch auch.

So ging er zurück in seinen Beruf als Mediziner und bildete sich u.a. in Akupunktur weiter. Für einen Abschluss in Traditioneller Chinesischer Medizin reiste er nach Peking. Dort lernte er während seiner Abschlussprüfung seine Frau Yu kennen und sie heirateten. Gemeinsam zogen sie später nach Brasilien, wo ihre Tochter Sophia zur Welt kam. Rinaldo und Yu richteten eine Privatpraxis für Neurologie, Psychotherapie und Traditionelle Chinesische Medizin ein, und sie führten ein glückliches Leben.

2014 starb Rinaldos Mutter, neun Monate später sein Vater. Es waren schwierigen Zeiten, geprägt von der Begegnung mit dem Tod und dem Bedürfnis nach einem Glauben.

Eines Tages, während der Schulferien, mussten Yu und Sophia an die Schule, um Unterlagen zu holen. Da sie lange nicht zurückkamen, machte sich Rinaldo sorgen, ob den beiden etwas zugestoßen sei.

Aber als beide zurückkamen, erzählte Yu voller Begeisterung wie Sophia plötzlich Musik gehörte hatte, die sie bis in einen Raum „zog“, in dem ein anderes Kind sie empfing. Und es waren Leute dort, die Musik machten und Yu einluden zu bleiben. Sie luden sie außerdem ein, zum Gottesdienst zu kommen, der am nächsten Sonntag auf demselben Gelände der Schule stattfinden sollte. Später erfuhren sie, dass diese Kirche - eine presbyterianische Kirche – das Schulgebäude für ihre Veranstaltungen am Wochenende und in den Ferien angemietet hatte.

Mit diesen neuen Nachrichten kamen die beiden nach Hause.

Rinaldo sträubte sich erst, weil er seinen Traum vom Theologiestudium endlich vergessen wollte. Er wusste, wie stark dieser Traum war und jetzt, „wo sein Leben endlich mal in Ordnung war“, befürchtete er, eine neue Begegnung mit Kirche und Glaube könnte ihn wieder aus der Bahn werfen. Doch er ließ sich schließlich überreden. Nach dem zweiten Gottesdienstbesuch brach alles bei ihm hervor und er sagte seiner Frau, dass er schon immer Theologie studieren wollte. Sie war völlig überrascht.

Nun machte Rinaldo Pläne, wo er ein Theologiestudium beginnen könnte. Deutschland, das Mutterland der Reformation und schließlich auch sein Mutterland, hatte er immer hochgeschätzt. Das sollte der richtige Ort zum Theologie studieren sein. Sympathie für John Wesley und den Methodismus spielten bei der Suche nach einer Hochschule ebenso eine Rolle wie der Wunsch, trotz guter Deutschkenntnisse eine individuellere Unterstützung und Förderung durch die Professoren zu erhalten. Außerdem sollte es eine Ausbildungsstätte mit hohem akademischen Niveau sein. All das waren dann die ausschlaggebenden Punkte, die ihn nach Reutlingen führten.

Gemeinsam mit Yu entschied Rinaldo, sein Anwesen mit der Praxis in Brasilien zurückzulassen, und nach Deutschland in ein Studentenwohnheim zu ziehen. Im April 2018 begann er mit dem Theologiestudium an der THR. Seine Frau und Tochter sind dabei sich mit der Sprache, den Gepflogenheiten und den Menschen auf dem Campus und in der Stadt anzufreunden. Und obwohl er dieses Jahr 50 Jahre alt wird, sagt er über sein Leben, dass es „jetzt gerade erst angefangen hat“.

Portrait Sarah Bach

Einblick ins Auslandsstudium:

Nach knapp drei Monaten an der Drew University in Madison/New Jersey konnte ich schon sicher sagen, dass sich ein solcher Austausch auf jeden Fall lohnt. Ich studierte mit Menschen mit verschiedenen Hautfarben, Herkünften, sexuellen Ausrichtungen, Einkommensklassen, Religionen und Meinungen. Das ist unglaublich bereichernd! Und ich kann es allen empfehlen, die Folgendes einbringen können: Zeit, um sein Studium zu verlängern, die Bereitschaft eine fremde Sprache zu lernen und der Wille, sich mit neuen Themen und Meinungen auseinanderzusetzen.

Sarah Bach (Masterstudiengang Theologie), studierte 2017 an der Drew University

Portrait Thomas Matter

Weiterbildungs-Studium

Ich bin Pfarrer in der Schweiz und habe ein Semester zur Weiterbildung an der THR studiert. Die Professoren haben in mir die Freude des Lesens und Erforschens der biblischen Schriften entfacht. Während zu meiner Zeit des Studiums eher das Auseinandernehmen der Texte hoch im Kurs war, staunte ich über die Dynamik, die entsteht, wenn man die Texte im Zusammenhang und eingebettet in der hebräischen Gedankenwelt interpretiert.
Bei meinen Recherchen bin ich beispielsweise auf einen sehr inspirierenden Diskurs über die paulinischen Schriften gestoßen, im angelsächsischen Bereich „fresh perspective“ genannt. Hier wird versucht, Paulus konsequent aus der Optik der jüdischen Weltsicht des ersten Jahrhunderts zu lesen. Es werden dadurch lieb gewonnene Prioritäten verschoben: Der Römerbrief, bei uns der Inbegriff für die "Rechtfertigung aus Glauben“, offenbart plötzlich einen anderen Schwerpunkt, nämlich „Teilhabe“ (am Werk Gottes, dem neuen Volk Gottes, an der erneuerten Welt). Dieser Diskurs ist in der Schweiz oder in Deutschland kaum angekommen. Es bleibt spannend.

Thomas Matter, Pfarrer (EmK Schweiz)

Portrait Rahel Baufeld

Die THR und Reutlingen sind für mich innerhalb weniger Wochen zu einem richtigen Zuhause geworden. Hier habe ich den Wochenmarkt direkt vor der Nase, Natur zum Genießen und schöne Orte zum Entspannen und Lernen. Ich schätze den persönlichen Austausch mit Dozenten und Mitstudierenden. Außerdem kann sich hier jeder einbringen; sei es in der Band, in der Bibliothek, im Pub, bei gegenseitiger Lernunterstützung, gemeinsamen Ausflügen …
Wie in jeder Institution laufen auch hier manche Dinge schief und nicht immer so toll. Trotz allem bereue ich es nicht, mich für das Studium an der THR entschieden zu haben.

Rahel Baufeld, Bachelorstudentin