Interview mit Prof. Dr. Jörg Barthel zum Studiengang »Christliche Spiritualität im Kontext verschiedener Religionen und Kulturen«

Prof. Dr. Jörg Bartel

Herr Professor Barthel, die Theologische Hochschule bietet ein berufsbegleitendes Studium an, das außerdem nicht in Reutlingen abgehalten wird, sondern in verschiedenen Tagungshäusern.

Warum wurde gerade ein Studiengang zum Thema Spiritualität eingerichtet?

Spiritualität ist als Begriff derzeit in aller Munde. Eigentlich bedeutet Spiritualität geistliches Leben, also das, was man früher »Frömmigkeit« genannt hat. Aber während »Frömmigkeit« bei manchen Menschen negative Assoziationen weckt, verbindet sich mit dem Begriff Spiritualität für viele die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen Leben, nach etwas, was dem Leben Sinn und Tiefe gibt – auch jenseits der traditionellen Frömmigkeit.

Ist Spiritualität demnach nur ein Modewort?

Das würde ich nicht sagen. Der Begriff hat eine Reihe von Vorteilen. Zum einen ist der Ausdruck, der ursprünglich aus der aus der katholischen Tradition stammt, inzwischen ökumenisch breit eingeführt. Er ist auch anschlussfähig für interreligiöse Fragen. Wir können von einer christlichen, einer jüdischen oder einer muslimischen Spiritualität sprechen.

Es gibt inzwischen sogar Versuche, eine Spiritualität für Atheisten zu entwickeln, wie es zum Beispiel der französische Philosoph André Comte-Sponville tut. Dem muss man nicht zustimmen, aber es ist auf jeden Fall wichtig, sensibel auf solche Suchbewegungen in der säkularen Gesellschaft zu reagieren. Schließlich knüpft der Begriff, wie schon angedeutet, an die verbreitete Suche nach einem gelebten Glauben an.

Viele Menschen empfinden einen Glauben, bei dem es in erster Linie um das Fürwahrhalten von theologischen Sätzen und organisierte Kirchlichkeit geht, als ungenügend. Sie suchen nach einem spirituellen Lebensstil, der das ganze Leben durchdringt. Das schließt Praktiken wie das Gebet oder die Meditation ebenso ein wie ein glaubwürdiges Engagement für eine gerechte Gesellschaft.

Warum bietet gerade die Theologische Hochschule Reutlingen einen Studiengang zum Thema christliche Spiritualität an?

Es ist ein Kernanliegen der methodistischen Tradition, theologisches Nachdenken und lebendige Frömmigkeit, also Spiritualität, eng miteinander zu verbinden. Bei John Wesley heißt das: »reason and vital piety«.

Nicht zufällig lautet das Motto unserer Hochschule: »Gelebter Glaube – befreites Denken – tätige Liebe«. Glaube ist nur Glaube, wenn er gelebt, also nicht nur gelehrt oder behauptet wird. Aber dazu gehört dann auch das kritische Nachdenken, die Reflexion, und nicht zu vergessen: die tätige Liebe, also das dienende und verändernde Handeln in der Gesellschaft. Seit etlichen Jahren gibt es an unserer Hochschule auch regelmäßige Veranstaltungen zur Praxis der Spiritualität.

Gleichzeitig ist die interkulturelle Dimension von Theologie einschließlich der Frage nach dem Verhältnis des christlichen Glaubens zu anderen Religionen zu einem Schwerpunt von Lehre und Forschung geworden. Es gibt also gute Gründe, an der Theologischen Hochschule einen solchen Studiengang anzubieten.

Hinzu kommen Herausforderungen aus der Gesellschaft: Die wachsende Vielfalt der Lebensformen und Weltanschauungen, aber auch die öffentliche Präsenz anderer Religionen verlangen dringend ein Nachdenken darüber, was christliche Spiritualität ausmacht und wie sie zur Sprache gebracht werden.

Viele sind irritiert, wenn sie sehen, dass zugewanderte oder geflüchtete Menschen ihren Glauben ganz selbstverständlich leben und in der Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen. Sollte uns das nicht eher dazu motivieren zu fragen: Wie können wir selber in Fragen des Glaubens sprachfähig werden. Wie können wir anders Glaubenden selbstbewusst und zugleich respektvoll und lernbereit begegnen. Für die Theologische Hochschule ist dies jedenfalls ein wichtiges Anliegen.

Was kann ich mir unter dem Studiengang vorstellen?

Der Studiengang beleuchtet christliche Spiritualität in verschiedenen Perspektiven. Nach einem Einführungsmodul, in dem Grundfragen des Themas und des Studiengangs geklärt werden, gibt es vier Basismodule, die wie das Einführungsmodul jeweils zwei Präsenzwochenenden umfassen. Dabei geht es zunächst um Spiritualität in der Bibel. Hier werden zum Beispiel das Psalmengebet oder die Spiritualität Jesu thematisiert. Auch jüdische Spiritualität kommt zur Sprache. In einem zweiten Modul werden Konzepte und Praktiken der Spiritualität in der Geschichte der christlichen Kirchen in den Blick genommen, etwa die heute wieder viel beachtete mittelalterliche und frühneuzeitliche Mystik oder die Spiritualität der Wesleys und des Methodismus. Das dritte Modul legt das Schwergewicht auf Spiritualität im Kontext verschiedener Kulturen und Religionen. Das letzte Modul ist eigens der Praxis der Spiritualität gewidmet, also Gebet, Meditation und anderen Formen des geistlichen Lebens. Hinzu kommen verschiedene Wahlmodule zu Themen wie Spiritualität und Gesundheit, Spiritualität und Kunst oder Spiritualität in neuen Ausdruckformen der Kirche (fresh expressions of church).

Alle Module enthalten auch Elemente der praktischen Einübung von Spiritualität, so dass Glaube auch individuell und in Gemeinschaft erlebt werden kann. Deshalb finden die Wochenenden in der Regel in Tagungsstätten und Einkehrhäusern statt, an deren spirituellen Angeboten die Studierenden und Lehrenden teilnehmen und die sie gemeinsam reflektieren können.

Nicht zuletzt bietet der Studiengang die Gelegenheit, eigene Erfahrungen mit Spiritualität im persönlichen Leben oder im beruflichen Kontext einzubringen und zu reflektieren. So wird die Fähigkeit eingeübt das eigene Verhalten, mentale Konzepte, Gefühle und Haltungen wahrzunehmen und kritisch zu hinterfragen.

Gleichzeitig ist die interkulturelle Dimension von Theologie einschließlich der Frage nach dem Verhältnis des christlichen Glaubens zu anderen Religionen zu einem Schwerpunt von Lehre und Forschung geworden. Es gibt also gute Gründe, an der Theologischen Hochschule einen solchen Studiengang anzubieten.

Hinzu kommen Herausforderungen aus der Gesellschaft: Die wachsende Vielfalt der Lebensformen und Weltanschauungen, aber auch die öffentliche Präsenz anderer Religionen verlangen dringend ein Nachdenken darüber, was christliche Spiritualität ausmacht und wie sie zur Sprache gebracht werden.

Viele sind irritiert, wenn sie sehen, dass zugewanderte oder geflüchtete Menschen ihren Glauben ganz selbstverständlich leben und in der Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen. Sollte uns das nicht eher dazu motivieren, zu fragen, wie wir selber in Fragen des Glaubens sprachfähig werden können? Und unsere Glauben selbstbewusst und zugleich respektvoll und lernbereit gegenüber anders Glaubenden leben. Für die Theologische Hochschule ist dies jedenfalls ein wichtiges Anliegen.

Für wen ist dieser Studiengang von Interesse?

Der Studiengang richtet sich an alle, die in ihrem persönlichen und beruflichen Leben mit Fragen der Spiritualität umgehen und zu einem vertieften Verständnis ihr eigenen Spiritualität und der vielen Formen von Spiritualität in der Gesellschaft kommen wollen. Formelle Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium im theologischen, pädagogischen, sozial-diakonischen oder therapeutischen Bereich und eine entsprechende Berufserfahrung. Einzelfällen können aber auch Personen aus anderen Berufen zugelassen werden.

Wer also zum Beispiel in Schulen, Krankenhäusern, in der Beratung oder Pflege Menschen aus anderen Kulturen und Religionen begegnet und mehr über den eigenen Gauben und den der anderen erfahren möchte, findet in dem Studiengang vielfältige Anregungen und Möglichkeiten der der Reflexion. Willkommen sind aber auch Menschen, die einfach neugierig sind, eigene Ausdrucksformen und eine eigene Sprache für ihr spirituelles Leben zu finden.

Warum sollten sich Hauptamtliche unserer Kirche für dieses Studium interessieren?

Ein eher äußerlicher Grund ist: Wer am ehemaligen Theologischen Seminar studiert und keinen staatlichen anerkannten Abschluss erwerben konnte, kann auf dem Wege der berufsbegleitenden Studienganges einen Mastergrad erwerben.

Viel wichtiger aber sind die inhaltlichen Gründe: Unsere Gesellschaft wird einerseits immer interkultureller und interreligiöser und anderseits säkularer. Das ist eine enorme Herausforderung. Eine glaubwürdig gelebte Spiritualität wird geradezu zu einer Überlebensfrage für unsere Kirche und Gemeinden. Neue Ideen und praktische Anregungen, die das Studium vermittelt, können die Arbeit von Hauptamtlichen und Laienmitgliedern in den Gemeinden beleben und neu motivieren.  

Darüber hinaus bietet das Studium frische Impulse, die eigene Spiritualität neu zu entdecken. Es schafft Raum, den eigenen Glauben gemeinsam zu reflektieren und sich neu bewusst zu werden, warum Menschen, die schon lange in einer Gemeinde aktiv sind, glauben. Auch erfahrene Christen können neue Formen finden, ihren Glauben auszudrücken - für sich und für andere.

Was kann ich tun, wenn ich mich für den Studiengang interessiere und genauere Informationen suche?

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Webseite zum berufsbegleitenden Master-Studiengang »Christliche Spiritualität im Kontext verschiedener Religionen und Kulturen«.

Sie können aber auch meinen Kollegen Holger Eschmann, der als Prorektor für Studium für die praktischen Fragen des Studiums verantwortlich ist, unter holger.eschmann@th-reutlingen.de kontaktieren.

Aus: Unterwegs 10-2018 

»Da spüre ich, wie Gott zu mir spricht«

Dennis Cramer

Dennis Cramer ist Schulleiter und Bezirkslaienführer in Crailsheim. Er hat im Herbst 2017 den Studiengang Spiritualität an der Theologischen Hochschule Reutlingen aufgenommen. Seinen Glauben gibt das viele Impulse. Michael Putzke hat mit ihm gesprochen.

Was hat Sie motiviert den Studiengang Spiritualität aufzunehmen?

Für mich ist das eine geistliche Neuausrichtung. Mich reizt vor allem die Verknüpfung zwischen dem Vernunftorientierten und der praktischen Glaubenserfahrung. Diese Verbindung halte ich für sehr wichtig. Ich bin eigentlich ein vernunftorientierter Mensch, aber ich merke, über Glauben kann man nicht nur mit Vernunft reden.

Was haben Sie im Studium Neues gelernt?

Ich habe an der Pädagogischen Hochschule Theologie und Religionspädagogik studiert. Vieles knüpft daran an. Was jetzt neu ist, ist zum Beispiel die Auseinandersetzung mit anderen Religionen und Kulturen. Wir lesen gerade das Buch »Ungläubiges Staunen: Über das Christentum« von Navid Kermani. Das Spannende ist, wie er als Muslim die christliche Kunst unter die Lupe nimmt. Er nimmt die christliche Kunst sehr ernst: Wo wir immer schon meinen zu wissen, was auf dem Bild zu sehen ist, hat er einen anderen Blick. Die Auseinandersetzung mit anderen Religionen ist keine Verwässerung unseres Glaubens, sondern eine Bereicherung. Wir können uns dabei neu verorten: Was macht denn meinen Glauben aus?

Was haben Sie für ihren Glauben neu entdeckt?

Manches mache ich jetzt intensiver als vorher. Ich bin gerne in den Bergen unterwegs. Meine erste Studienarbeit habe ich über »heilige Berge« geschrieben. Einerseits kann Gott uns immer und überall begegnen. Er ist nicht gebunden an einen Ort. Aber umgekehrt gibt es Orte, an denen man zur Ruhe und Besinnung kommen kann. Ich finde es hochspannend zu sehen, welche Erfahrungen Menschen an bestimmten Bergen gemacht haben. Meine Frage ist: Wie kann ich in eine Haltung kommen, in der meine Ohren größer sind, um das Göttliche wahrzunehmen. An unseren Studienwochenenden sind wir auch an Orten mit spiritueller Prägung untergebracht, zum Beispiel in Klöstern.

Wo empfinden Sie noch, dass Gott zu ihnen spricht?

Neben dem Gebet und der Beschäftigung mit der Bibel gibt es bei mir etwas Persönliches: Ich schreibe meine Träume auf und deute sie. Da höre ich überraschend oft geistliche Botschaften heraus. Das ist eine Mischung aus Reflexion und Erleben. Da spüre ich, wie Gott zu mir spricht. Die »Zugänge« zum Heiligen, die Gott dem Menschen schenkt, sind sicherlich verschieden. Entscheidend ist für mich, dass jeder seinen Glaubensstil findet und den der Anderen akzeptiert.

Für wen würden Sie den Studiengang Spiritualität besonders empfehlen?

Für diejenigen, die nach einer gewissen Zeit der Berufspraxis die Sehnsucht haben, den eigenen Glauben neu zu reflektieren und sich neu auszurichten wollen, ist dieser Studiengang sehr gewinnbringend. Vorrausetzungen sind ein abgeschlossenes Studium der Theologie, Pädagogik oder der Sozialwissenschaften.

Sie haben Spiritualität neu kennengelernt. Was wünschen Sie sich für die EmK?

Ich wünsche mir für unsere Gottesdienste und unser Gemeindeleben mehr Offenheit – vieles ist in der neuen Gottesdienstordnung ja schon ermöglicht. Was mir noch zu kurz kommt, ist die Vielfalt, zum Beispiel in der Musik. Und was spricht dagegen, einen Bibeltext mal szenisch darzustellen? Warum geschieht das meist nur an Weihnachten? Und wie ist es mit religiösem Tanz? Der ist über Jahrhunderte hinweg komplett verloren gegangen. Überall tanzen Menschen, aber bei uns fehlt dies. Warum entdecken wir die spirituelle Seite des Tanzes nicht neu und spüren dabei auch unseren Körper, Gemeinschaft, Ekstase, Rhythmus? Da haben wir noch eine große Lücke.