Knödel, Platanen, Schraubenschlüssel. Und das alles für Gott.

Über die theologische Hochschule in Reutlingen liest man immer wieder, meist über Studierende, Dozierende und theologische Wochen. Werfen wir für einmal einen Blick hinter die Kulissen!

Die Dame isst Salat, der Herr Schweinekeule, und Bier trinken wir alle drei. Ein Abend im Barfüsser nach einem heissen Tag in Reutlingen mit Ursula und Frank Küchler, dem Hausmeisterehepaar der theologischen Hochschule. Seit mehr als fünfzehn Jahren leben und arbeiten sie hier, ein langer Weg hat sie aus Ostdeutschland hierher geführt, durch Arbeitslosigkeit und Krankheit. Dann eine kleine Anzeige im methodistischen Kirchenblatt: Hausmeister gesucht! Eine lange Autofahrt gen Wesen, ein intensives Gespräch, und die Sache war geritzt. Koffer packen, Heimat verlassen, neu anfangen. Vom Vorgänger wurde gesagt, seine Leistungen seien nicht zu übertreffen. Das war die Vorgabe. Mittlerweile weiss man, die Küchlers sind nicht zu ersetzen, ihr Ruhestand muss mit allen Mitteln verhindert werden.

Man hört so einiges, wenn man ihnen zuhört. Dass man zu Hause Schweinekeule unter keinen Umständen mit Kartoffelsalat isst, sondern mit Knödel (Kartoffelsalat ist mir auch lieber, aber das behalte ich für mich). Oder wie es wirklich ist, wenn man aus dem Osten in den Westen ziehen muss. Und, Frank, was machst du denn so den ganzen Tag an der Hochschule? – Alles, und was ich nicht mache, das macht meine Frau. Das Essen holen und bereitstellen, den Studierenden zuhören, abwaschen, die Wünsche der Dozierenden erfüllen (oder dafür sorgen, dass sie realisierbar sind), Gästezimmer betreuen. Und Hecken schneiden, auch bei strömendem Regen – danach habe ich die Studenten, die mir helfen mussten, zum Kaffee eingeladen, die armen Jungs waren patschnass. WG-Zimmer vermieten, Konflikte lösen, der Technik auf den Sprung helfen, Laub fegen – Du kannst dir nicht vorstellen, was die Linde auf dem Platz für eine Sauerei macht, da kannst du wochenlang kehren. Von den Platanen im Garten gar nicht zu sprechen.

Sind die Küchlers gar die heimlichen Herrscher der Hochschule, ohne die nichts läuft? Ich zog am Freitag in mein WG-Zimmer mit all meinem Kram, und am Samstag Morgen stand der Frank vor der Türe mit Schraubenschlüssel und Hammer und meinte bloss: So, meine Dame, jetzt machen wir mal deine Möbel zusammen. Dabei hatte ich ihn gar nicht gerufen. Und ich dachte mir: Ein Engel vom Himmel. Oder sind sie die Heiligen vom Berg der Erkenntnis? Ich kann auch anders, und dann rauscht’s. Aber am nächsten Tag ist alles vergessen, da machen wir kein langes Theater. Ursula würde erröten, wenn man sie eine Heilige nennte, und Frank seinen Schnauz tiefer ins Bierglas stecken. Das wäre ein Missverständnis, Heilige sind sie nicht. Auch Sünder haben auf der Kirchenbank Platz. Das stimmt: Ich sah beide in der Kirche, als ich einmal im Gottesdienst zu Besuch war. Methodist ist und bleibt man, egal ob im Osten oder im Westen. Das ist unsere Kirche. Und da beginnt eine Diskussion über die Zukunft der Kirche, gerade auch über die Kirchenspaltung wegen der Frage der Homosexualität. Das Gespräch wird ernst und besorgt, man merkt, wie viel den beiden die Kirche bedeutet und wie sehr eine Spaltung schmerzen würde.

Keine Heiligen also, aber Menschen, die es gut meinen mit anderen. Man hört die Studierenden über dieses und jenes sprechen, über schwierige Prüfungen, langweilige Vorlesungen, gelungene Arbeiten und die Frage, was nach dem Examen werden soll. Wenn sie sie über die Hausmeisterei reden, dann ausschliesslich liebevoll und voller Anekdoten. Die Küchlers sind eben doch Leber und Niere und Lunge der Hochschule. Nicht Zunge, Mund oder Hirn, aber das, was man trotzdem zum Leben braucht. Und auch noch nach Jahren im Amt schwärmen die Pastoren in der Schweiz noch immer von den beiden. Professoren achtet, ehrt und verehrt man, Hausmeisterinnen liebt man.

Wird das alles nicht eines Tages zu viel? Ihr macht sauber, und die anderen bringen den Dreck wieder zurück? – Ja, das könnte schon sein, aber ich mache das ja nicht für die Menschen. Ich mache das für Gott. Wenn was Grosses kommt, eine Konferenz oder so, dann bete ich vorher jeden Tag dafür, und immer habe ich Kraft genug. Man könnte meinen, man höre ein etwas überfrommes Zeugnis im Gottesdienst. Aber es ist echt und authentisch. Vielleicht ist es das, was die beiden ausmacht: Sie verstecken nichts, spielen nichts vor, sie sind, wie sie sind und wer sie sind. Die guten Menschen von Reutlingen, die für Mensch und Haus und Garten sorgen. Und auch fürs Klo, wenn es verstopft ist. Da gehört alles dazu.

Pfarrer Dr. Christoph Schluep, Zürich/Schweiz

Ursel Küchler

Frank Küchler