Ein Kommentar von Rinaldo Santori-Köster

Interreligiöses Gespräch

Ein „Rat der Religionen“ in Reutlingen

 

Bei einem neurochirurgischen Kongress in Japan stand ich in der Mittagspause zufällig vor einem Laden, der Kosmetikprodukte verkaufte. Im Schaufenster war eine Person zweimal abgebildet: einmal vor und einmal nach der Behandlung. Nach einem kurzen Blick darauf sagte ich zu meinem japanischen Kollegen: „Komisch, vorhersah es besser aus!". Doch dieser meinte, ich würde das Bild falsch betrachten. Da wurde mir bewusst, dass wir im Westen die Dinge von links nach rechts ansehen, die Menschen im Osten es aber umgekehrt machen.

Im Bereich der „kulturellen Neurowissenschaft" gibt es u.a. viele Studien über visuelle Wahrnehmungen, die kulturell abhängig sind. So ist bekannt, dass die Menschen im Osten sich besser auf Hintergründe und Kontexte konzentrieren können, während Menschen im Westen eher das Detail ergründen.

Dies schlägt sich auch in der Schrift nieder: Während Japaner und Chinesen ideogrammatische Schriftzeichen benutzen und deshalb einander einigermaßen verstehen, produzieren die Europäer durch Kombination unterschiedlicher Buchstaben verschiedene Wörter. Obwohl Italiener, Deutsche, Polen, Franzosen und Engländer dasselbe Alphabet benutzen, fällt ihnen die Kommunikation untereinander schwer. Ähnliche kulturelle Unterschiede findet man auch in der Kunst, Philosophie, Medizin usw.

Um auf das Bild im Schaufenster zurückzukommen: Was ist die korrekte Sicht?

Wenn wir akzeptieren, dass auch die Wahrnehmung von Menschen kulturell beeinflusst ist, könnte man antworten: „Es gibt keine falsche und keine richtige Sicht. Es sind nur verschiedene Perspektiven, aus denen wir dieselbe Sache betrachten. Wir suchen eine Antwort auf unterschiedlichen Wegen." So einfach ist es und nicht widersprüchlich! Die verschiedenen Sichtweisen ergänzen sich - ja, wir dürfen sogar davon ausgehen, dass Gott sie so geschaffen hat. Jede Ausschließlichkeit würde eine Begrenzung bedeuten, die uns einengt, Vorurteile fördert und den Kampf um die richtige Sichtweise entfacht. Wahrscheinlich geschieht dasselbe, wenn wir über unser Verständnis von Gott sprechen: Westliche und östliche Erkenntnisse basieren aufgrund von unterschiedlichen Wahrnehmungen und Deutungen auf verschiedenen Sichtweisen - aber Gott ist derselbe.

Vor einiger Zeit hatte ich das Glück und die Ehre, Prof. Dr. Ulrike Schuler in eine Sitzung zu begleiten, in der darüber gesprochen wurde, einen „Rat der Religionen" in Reutlingen zu gründen. Ich meine, dass es gut wäre, wenn die Methodisten einen Beitrag hierzu leisten könnten, da sie sich weltweit um Toleranz und Gerechtigkeit, Integration und Verständnis in unserer globalisierten Welt bemühen. Einige Studien zeigen auch, dass der wesleyanische Methodismus von Beginn an nicht nur eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Sklaverei gespielt hat, sondern sich auch dafür eingesetzt hat, dass weitere Konflikte im England des 18. Jahrhunderts vermieden wurden.

Deshalb möchte ich hier nicht nur die Information weitergeben, dass Reutlingen in näherer Zukunft einen „Rat der Religionen" haben wird, sondern auch alle Leserinnen und Leser um ihr Gebet bitten, dass dieses Bemühen erfolgreich ist. Wir wollen uns nicht nur als Christen, sondern auch gemeinsam mit Geschwistern aus den verschiedenen Religionen für Freiheit und Frieden einsetzen und gutes Zusammenleben der Religionen in unserer Stadt fördern.

 

Dr. Rinaldo Santori-Köster ist Neurochirurg und Theologie-Student an der THR

Rinaldo Santori-Köster